Bild, Wunsch und Ausblick

Wir wollten dem Architekten der Naumannsiedlung näher kommen und haben versucht, uns ein Bild von Manfred Faber zu machen – zunächst jedoch ohne ein Foto von ihm zu besitzen.

Hat der Nationalsozialismus ihn komplett ausradiert? Spielt die Tatsache, dass er wahrscheinlich keine eigene Familie hatte, dabei eine Rolle?

Es ist vermutlich eine Kombination verschiedener Faktoren, zu der ebenfalls gehört, dass viele Archive im Zweiten Weltkrieg beschädigt bzw. zerstört wurden und heute nur noch bruchstückhaft oder gar nicht mehr erhalten geblieben sind.

Umso glücklicher sind wir, dass intensive Recherchen dennoch Bildmaterial ergeben haben.*1 Der gutgekleidete, selbstsichere Herr auf dem Bild der Baustelle der Aluminiumfabrik in Grevenbroich im Juli 1919 ist wahrscheinlich der 39jährige Architekt Manfred Faber. Ein weiteres Bild derselben Baustelle soll ihn in Mantel und Hut während der Betrachtung von Bauplänen zeigen (Bild 01-03).

Obwohl letzte Gewissheit zur Identität der abgebildeten Person fehlt, tut es gut, davon auszugehen, dass diese Fotografien ihn tatsächlich für immer festgehalten haben könnten: Der große Architekt (leider) ganz klein!

*1Die ebenfalls hinsichtlich des Architekten Manfred Faber aktive „AnwohnerInnen-Gruppe Märchensiedlung“ (siehe auch unter www.maerchensiedlung-koeln.de) gab uns freundlicherweise den Hinweis auf das Stadtarchiv in Grevenbroich, wo sie die beiden bisher einzigen Fotos, die sehr wahrscheinlich Manfred Faber zeigen, entdeckt hatte.

Aufnahmen mit Manfred Faber in einem privaten Rahmen sind uns nicht bekannt, obwohl wir durch einen herzlichen Kontakt mit einem Cousin dritten Grades in Israel zumindest einen Einblick in sein privates Umfeld bekommen haben und uns darüber sehr freuen.*2 Wie gern würden wir ihn auf dem Bild der Hochzeit seines gleichaltrigen Cousins, Jakob Loew, – der ebenfalls in Karlsruhe geboren wurde – und dessen Frau, Camille Heymann, einige Jahre zuvor, im Juli 1914, wiederfinden (Bild 04).

04 Hochzeitsgesellschaft von Jakob und Camille Loew-Heymann im Juli 1914
© Gidon Lev 2021
05 Detail Hochzeitsbild

Ein Abgleich der in Frage kommenden jungen, männlichen Hochzeitsgäste mit Manfred Faber auf der Baustelle in Grevenbroich ist – aufgrund dessen geringen Größe und der Qualität der alten Aufnahmen – nicht einfach, aber wie wäre es mit dem stehenden jungen Mann in der hintersten Reihe ganz rechts (Bild 04 im Kreis und 05)?

Die Vorstellung ist einfach zu verlockend und so entscheiden wir, dass Manfred Faber anwesend war, um gemeinsam mit Familie und Freunden ein tolles Fest zu feiern und das Leben zu genießen!

*2Wir danken Gidon Lev in Givatayim/Israel für seine große Begeisterung, die er unserem Projekt entgegenbringt, sowie für den regen Austausch und Überlassung von Dokumenten.

Feierlichkeiten für Manfred Faber und eine gute Nachbarschaft

Manfred Faber war der Chefarchitekt der Naumannsiedlung und mit seiner Architektur im Stil des Neuen Bauens hat er die Basis für die hohe Lebensqualität des Viertels geschaffen. Heute wäre er wahrscheinlich ein „lokaler Stararchitekt“, worauf wir mit unserem fiktiven Anfang bereits hingewiesen haben! Verständlicherweise werden die meisten Menschen denken, dass ein gewisser „Herr oder Frau Naumann“ dann wohl der Architekt bzw. die Architektin der Siedlung gewesen sein könnte. Johann Friedrich Naumann war jedoch ein Ornithologe (1780-1857). Beide Straßen in der Siedlung sind ebenfalls nach Wissenschaftlern aus demselben Zeitraum benannt: nach dem Mikrobiologen und Zoologen Christian Gottfried Ehrenberg (1795-1876) bzw. nach seinem Bruder, dem Botaniker Carl August Ehrenberg (1801-1849), sowie nach dem Zoologen Georg August Goldfuß (1782-1848). Grund für die Namensgebungen war die Nähe zum Zoo. Allerdings erinnerte nichts in der ehemaligen „Siedlung Riehl“ an Manfred Faber: Eine schmerzhafte Lücke, die nun geschlossen worden ist.

Ende April 2021 hat die Bezirksvertretung Nippes den Beschluss gefasst, eine umfassende Umgestaltung des Platzes an der Naumannstraße vorzunehmen: Die geparkten Autos werden einer Boulebahn weichen und es wird möglich sein, Schach zu spielen bzw. sich auf Sitzbänken mit Nachbar*innen zu unterhalten.

Die GAG als Eigentümerin der Naumannsiedlung hat Manfred Faber am 26.10.2021 – an seinem 142. Geburtstag – mit einer Gedenkplakette gewürdigt und es wird zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Platz ein Denkmal für ihn errichtet werden. Gut so!, meinen wir und sehen in dem Maßnahmenpaket den Anfang eines nachbarschaftlichen Miteinanders und ja, vielleicht auch von wunderbaren Freundschaften!

06 Gedenkplakette für Manfred Faber in der Naumannsiedlung,
© Ingrid Blom-Böer 2021

War es das?

„Niemals haben Menschen aus der Geschichte gelernt, und sie werden es auch in Zukunft nicht tun“, sagte Kurt Tucholsky in – man mag schon sagen – erschreckend weiser Voraussicht bereits im Jahre 1926. Es gibt anno 2021 politische Parteien, die diffuse Ängste schüren und Sündenböcke suchen.

Ein schöner Auftakt für ein respekt- und verständnisvolles Miteinander fand am 03.10.2021 statt, am Tag der Deutschen Einheit: Vertreter*innen der großen Kirchen, der jüdischen und muslimischen Gemeinden trafen sich auf dem Platz der Naumannsiedlung und werden dies hoffentlich in Zukunft noch sehr oft tun!

Was können wir in Köln für ein gutes und friedliches Miteinander tun?

Aufklären, informieren und gemeinsam das allgegenwärtige Erbe jüdischer Architektur in Köln bestaunen: Bauten Manfred Fabers und die seiner jüdischen Kolleg*innen gibt es in ganz Köln. Unser Augenmerk gilt ganz besonders der Naumannsiedlung, aber auch in Klettenberg, Lindenthal und Zollstock gibt es gut erhaltene, bemerkenswerte Objekte, die erkundet werden sollten! Heute verbinden z. B. Thementouren die Bauwerke von Manfred Faber und anderen per Fahrrad (Bild 06-09).

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